Corona und ich

Ich bekomme immer wieder Briefe, E-Mails und Anrufe von auswärtigen Kunden, die sich bei mir erkundigen, wie es mir und dem Antiquariat in dieser schwierigen Zeit ergeht.

Rudolfo aus „La Bohème“ antwortet auf die Frage, wie er lebe: „Ich lebe!“

Mein Antiquariat ist weniger ein Gewerbebetrieb als eine Kulturinstitution. So schrieb mir vor kurzem ein musikinteressiertes Ehepaar aus Düsseldorf: „Wir haben in Berlin vier Ziele: erstens die Philharmonie, zweitens die Staatsoper, drittens die Deutsche Oper und viertens – last but not least – Sie und Ihr Antiquariat. Leider können wir wegen der Corona-Risiken zurzeit nicht nach Berlin kommen!“

Ich freue mich natürlich über diese Wertschätzung, aber mir und auch dem Antiquariat fehlen diese Kunden. Meine Kundenstruktur stellt sich folgendermaßen dar: Berufsmusiker (darunter viele freischaffende), Musikstudenten, Musikfreunde (vor allem auswärtige und ausländische). Durch das Fernbleiben vieler dieser Kunden ergeben sich erhebliche Umsatzeinbußen.

Bis zu meinem achten Lebensjahr habe ich in einem Flüchtlings- und Vertriebenenlager in einem Zimmer mit fünf Personen gelebt, bevor meine fleißigen Eltern ein kleines Behelfsheim erwerben konnten. Ich führe seit jeher ein frugales Leben, habe weder ein Auto noch ein Fernsehgerät und immer noch kein Mobiltelefon. Dafür Bücher, Noten, Schallplatten und einen Flügel. Ich werde deshalb auch diese Situation durchstehen.

Das Positive an dieser kundenarmen Zeit ist, daß ich meine Lagerbestände endlich bearbeiten, mehrfach Vorhandenes verschenken und eine neue Sonderangebotslinie starten konnte.

Viel Sorge bereitet mir jedoch das Schicksal der mir bekannten freischaffenden Künstler. Diese sind trotz der staatlichen Hilfe in einer schwierigen Lage. Konzerte können nicht oder nur vor kleiner Zuhörerzahl stattfinden.

Berlin ist zweifellos die Welthauptstadt der Musik (pardon, verehrtes Wien): drei große Opernhäuser, insgesamt sieben große Orchester und zwei führende Musikhochschulen. Genauso wichtig wie diese öffentlichen Institutionen ist die große Freie Szene. Hier sind die kreativen, enthusiastischen und risikofreudigen Künstler tätig. Meine schönsten musikalischen Erlebnisse in den letzten Jahren habe ich nicht in den „Tempeln der Hochkultur“, sondern durch freischaffende Künstler erlebt.

Ich habe die Fabeln von La Fontaine immer sehr gerne gelesen – bis auf diejenige von der Ameise und der Grille: „Wenn du im Sommer gespielt hast, dann kannst du im Winter tanzen“. Diese sozialdarwinistische Denkweise ist mir unerträglich. Künstlerische Darbietungen sind eben auch „Lebensmittel“.

Gustave Doré, La cigale et la fourmi, Entwurf zu einer Illustration der Fabeln von La Fontaine, gegen 1868.

Die meisten freischaffenden Künstler können sich für Notzeiten von ihrem geringen Einkommen keinerlei Reserven anlegen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich anregen, daß auch während der Sommermonate zum Beispiel ein Opernhaus (auch mit Personal aus den anderen Häusern) durchspielt. Die Berliner Kulturausgaben sind durch die sogenannte Umwegsrentabilität weitgehend gedeckt. Die Kulturpolitik sollte sich nicht nur hauptsächlich auf Premieren, Vernissagen und Event-Kultur beschränken.

Erfreulicherweise habe ich ein junges chinesisches Künstlerehepaar kennengelernt, das auf die Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen wartet. Da wir Zeit haben, konnten wir bisher zehn Videos drehen, von denen bislang sieben erschienen sind.

Im Laufe der nächsten Woche erscheint ein Beitrag über Wilhelm Furtwängler. Geplant sind für die nächste Zeit folgende Videos:

1. Müssen Opernsänger wirklich so dick sein?

2. Gesangslehrer und Gesangslehren

3. Meine Lieblingssänger: Lilli Lehmann, Lotte Lehmann, Kirsten Flagstad, Leonie Rysanek, Christa Ludwig, Heinrich Schlusnus, Alexander Kipnis, Jussi Björling, Carlo Bergonzi, Fritz Wunderlich und einige mehr

4. Problem- bzw. Streitfälle: Maria Callas, Elisabeth Schwarzkopf, Dietrich Fischer-Dieskau

5. Stimm- und Rollenfächer

6. Mein idealer Spielplan

7. Opernführer

8. Buhen oder nicht buhen – das ist hier (nicht) die Frage!

9. Hugo Wolf

10. Der sich ausufernde „Silbersee“ als Gefahr für die Zukunft der Hochkultur

11. Die „Bringschuld“ der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen

12. Zur Geschichte der Schallplatte

Das Hauptproblem der – anfangs nur für ein chinesisches Publikum gedachten – Videos besteht in der zeitlichen Beschränkung. Der von den neuen Medien beförderte Wettbewerb um Klicks und Zuschauer führt zu einer immer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne. Es ist schier unmöglich, wirklich Substantielles über große Künstler in drei Minuten zu sagen. Aus diesem Grunde denke ich an ein längeres Format, das ich ab Winter in die Tat umsetzen möchte.